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Die Jugendstilbauten auf der Mathildenhöhe in Darmstadt

 
     
 
Über den stillen Nicolaiweg schlendere ich auf die Mathildenhöhe in Darmstadt. Die in reinstem Jugendstil errichtete "Künstlerkolonie" ist mein Ziel. Eine junge Frau stürmt mir entgegen. "Nein", stöhnt sie, "das da oben ...". Sie rennt weiter als folge ihr der Teufel auf den Fersen. Noch wenige Schritte und ein unvergleichliches Panorama bietet sich dem Auge. Die Reaktion ist Temperament
frage. Man kann, wie die junge Frau, sofort kehrtmachen. Wer zögert, verfällt dem Narkotikum "Jugendstil". Man glaubt, in eine grandiose Traumzone gerückt zu sein.

"Hochzeitsturm" wird das 48,5 Meter hohe Ungetüm mit seiner emporragenden "Schwurhand" genannt. In der Sonne gleißen die "Finger" golden; rote Klinker funkeln. Schaut man seitwärts, behexen die vergoldeten Zwiebeltürme der in grellen Farben schwelgenden "Russischen Kapelle". In ihrer Nähe steht der Schwanentempel. Seine Reliefs zeigen geisterhafte Schwäne. Sie neigen den bekrönten Kopf. Vom Platanenhain dringt das Knarren uralten Geästs herüber. Auf den Eingangssockeln zum Hain faucht ein Löwe, schleicht ein Panther. Nymphen räkeln sich auf den Raubtieren. Abstruser Zauber wohin man blickt.

Und so begann die kurze Ära Jugendstil: Die Lebenssphäre des ausklingenden 19. Jahrhunderts empfanden junge Künstler als verlogen. Die Bauten der Neogotik, Neorenaissance verursachten ihnen Magendrücken. Ein neuer Stil mußte geschaffen, eine eigenwillige Formwelt kreiert werden, "die allem Volke diene, der aber auch alles Volk huldige. Eine Kunst gegründet auf drei einfache unumstößlich eng verbundene Stützen, auf Einfachheit, Natur, Poesie", verkündete Hans Christiansen, Gründungsmitglied und Angehöriger der "Darmstädter Künstlerkolonie" von 1899 bis 1902. Dieser neuartige Stil erhielt im deutschsprachigen Raum den Namen "Jugendstil", und zwar in Anlehnung an die 1896 in München gegründete satirische Wochenzeitschrift "Jugend".

Wie es so geht, verselbständigte sich die Stilidee. Sie geriet zur Ideologie, zur Diktatur. Damit war das Ende eingeleitet. Fast über Nacht mochte man die Schwanenmotive, Nymphenreigen, Rankenverschlingungen nicht mehr sehen. "Alles Volk", Arbeiter wie Bürger, sah sich mit Gläsern, Vasen, Eierbechern konfrontiert, die elitärem Kunstverständnis entsprachen. Jugendstilhäuser galten plötzlich als unwohnlich; der gewollte Perfektionismus dünkte unerträglich. Nie wurden die Sachwerte einer Stilrichtung brachialer aus dem Blickfeld geräumt als die des Jugendstils.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges trieb die Wegwerf-Orgie dem Höhepunkt zu. Mit der Abdankung des hessischen Großherzogs Ernst Ludwig löste sich 1918 die Darmstädter Künstlerkolonie auf. Dennoch: die Gestaltung der Mathildenhöhe gilt als ein "Dokument deutscher Kunst". Unter diesem Titel war das Bauprojekt am 15. Mai 1901 der Öffentlichkeit präsentiert worden.

Wie war es dazu gekommen? 1899 hatte genannter Großherzog die Idee, mit jungen, unkonformistischen Künstlern eine Gesinnungsgemeinschaft zu gründen, damit Darmstadt zum Glitzerforum des Jugendstils werde. Genau das geschah. Nahezu betäubt nimmt man den hellen Monumentalbau wahr, der die Ausstellungshallen birgt. Das malachitgrün gegitterte Portal könnte der Eingang zum Palast eines Pharaos sein. Pergolen verbinden den Ausstellungsbau mit dem Hochzeitsturm und dem Platanenhain. Im Mittelfeld der Laubengänge sind zwei Skulpturen plaziert. Beim Nähertreten erschrickt man. Wutverzerrten Gesichts krümmt sich der "Geiz". Der "Haß" ballt tobsüchtig die Faust. Die beiden Gift- und Gallespucker sind Nachbildungen aus Bernhard Hoetgers Zyklus "Licht- und Schattenseiten", den er in seiner Darmstädter Zeit, 1911 bis 1915, schuf.

Vom Schwanentempel führen Stufen zum Alexandraweg hinab. Einzelne der damals von den Koloniekünstlern bewohnten Häuser überstanden den Zweiten Weltkrieg. Augenfang bildet das 1901 fertiggestellte Wohnhaus des Peter Behrens. Zwischen grün glasierten Klinkern schimmert die ozeanblaue Tür. Goldene Ornamente überwallen sie. Einen Seitenpfad zu betreten, verlockt ein sonderbares Haus. Joseph Maria Olbrich baute es für den Möbelfabrikanten Glückert; heute ist es Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Verdutzt steht man davor. Wer nicht weiß, daß der Eingang ein griechisches Omega darstellt, meint, ins Innere einer Muschel zu treten. Das dem Glückert-Haus gegenüberliegende, nur teilweise noch originale Olbrich-Wohnhaus ist an den gekachelten Außenflächen und an seinem Mauerbrunnen zu erkennen. Ein Jüngling kniet bei der Quelle. Das Wasser rinnt ihm von der Hand über die Lippen, über das Geschlecht, rieselt ins Brunnenbecken. Ein paar Schritte weiter gerät man vor das einstige Gemeinschaftsatelier der Künstler. Es trägt den Namen des Großherzogs: Ernst Ludwig-Haus und beherbergt das Jugendstilmuseum. Man steht vor einem Tempel. Olbrich bestätigt es, wenn er anno 1900 in "Deutsche Kunst und Dekoration" schrieb, daß "nach des Tages emsiger Arbeit von dem Tempel des Fleißes herabgestiegen wird, um den Künstler mit dem Menschen einzutauschen".

Zunächst aber mußten die Tempelherren zur Weihestätte hinauf. Das geschah über eine weite Treppenflucht. Ich schreite sie empor. Zwei Kolossalstatuen, "Mann und Frau", auch als "Adam und Eva" oder "Stärke und Schönheit" bezeichnet, bewachen das ebenfalls in Omegaform gestaltete Portal, dessen Inschrift lautet: "Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war, noch jemals sein wird". Im Portalrund glimmen goldene, geometrische und vegetabile Ornamente. Zwei auf Stangen gespießte Künstlerhäupter starren den erschrockenen Besucher an. Auf den Köpfen balancieren Genien. Sie halten Lorbeerkränze in den Händen ...

Spätestens jetzt sucht man zur seelischen Erholung die "Russische Kapelle" auf. In Grün und Gold prangend, die Außenwände mit Heiligen-Mosaiken verziert, wirkt sie inmitten ihrer gigantischen, heidnischen Umwelt als bizarrer Fremdkörper. 1899 wurde sie für des Großherzogs Schwester Alice und deren Gatten, Zar Nikolaus II., die oft in Darmstadt weilten, errichtet. In sternenflimmernder Apsis thront die schwarzbemantelte Frau mit Kind. Engel umrauschen sie. Liliengewirr überrankt die Wände ... Unterhalb der Kapelle erstreckt sich das "Lilienbecken", dessen Kacheln florale Gebilde zeigen. Sie scheinen im Wasser zu schlingern, in dem sich die Türme und Kreuze des Gotteshauses spiegeln. Phantastisch!

Ich gehe weiter, steige Stufen abwärts und stehe im Platanenhain. Acht Reihen dieser dichtbelaubten Bäume machen ihn zum magischen Bezirk; Heckenwände schirmen ihn ringsum ab. Die Krematoriumsstille unterbricht das Plätschern eines Brunnens mit Nixe und Fabeltieren. Zartgliederige "Krugträgerinnen" verweilen auf Löwensockeln. Auf Löwenhäuptern ist die "Sterbende Mutter" am Ende des Hains gebettet. Im Tod bäumt sie sich auf. Das auf ihren Schenkeln spielende Kind erkennt nicht, daß es der Abschied ist. Hoetger stellte diese Variante des Worpsweder Grabmals der Paula Modersohn-Becker in den Plata-nenhain, weil dieser "Werden und Vergehen" symbolisiert.

Lange streife ich umher. "Es ist ein Ewiges, das wandelt und das bleibt, das in sich selber ruht und ruhlos treibt", lautet die Inschrift unter Hoetgers Relief "Frühling". Elf Figuren, Jünglinge und Mädchen, halten traumverloren die Lider gesenkt. Ihre Hände umfassen Blüten und Früchte. Das Relief "Sommer" zeigt die Figuren von dämonischer Vegetation umgeben. Auf dem Relief "Schlaf" verharren sie in totengleicher Schlaffheit. Verzückung zeichnet die Gesichter auf dem letzten Relief "Auferstehung": "Woher sie kommen merkst du nicht, merkst nicht wohin sie wieder gehen ..." Nirwana - das muß ihr Ziel gewesen sein. Beklommen schaue ich mich um. Riesige Blumenkübel werden von spukweltlichen Füchsen bekrochen. In schmiedeeisernen Gittern bepicken Vögel ihnen zugeneigte Blütenkelche.

Wie Schuppen fällt es von den Augen. Jugendstil war Erotik par excellence. Dies überall wuchernde Schlingwerk, die miteinander verwobenen Knospen, Blütenzungen, Fasern, Stengel, langhälsige Vögel, blankschwänzige Melusinen, ekstatisch verrenkte Engel, bleichgesichtige Hermaphroditen, paradiesische Séparées. Es bleibt noch, jene blutrote, scheinbar zerfließende Rose zu nennen, die als "Christiansen-Rose" in die Geschichte des Jugendstils einging.

Mein letzter Weg führt in den "Hochzeitsturm". Friedrich Wilhelm Kleukens schuf die Mosaiken im Erdgeschoß. Es sind Alle-gorien der Liebe. Ein Halb- bogenmosaik läßt den Atem stocken. Da liegen zwei nackte Flügelgeschöpfe bäuchlings auf dem Boden. Was heiß Boden? Sie schweben durch Himmelsbläue, auf Sternen und Rosengirlanden ruhend. Ihre Fittiche haben sich über ihren Köpfen vereinigt. Ihr Kuß findet kein Ende. Je länger ich die beiden Liebesakrobaten ansehe, um so stärker packt mich Neid. Sie verfügen - das ist sicher - über intakte Bandscheiben.

Mathildenhöhe! Ein Dokument deutscher Kunst? Ja! Und als echtes deutsches Kunstwerk ist es aus hehrem Traum und Untergangsahnung gewoben.

Der Hochzeits-turm: Die roten Klinker funkeln in der Sonne,
 
     
     
 
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