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Ein Staat der keiner ist

 
     
 
Der Libanon ist das Ziel des größten westlichen Engagements, das es unter dem Schirm der Vereinten Nationen seit Jahrzehnten gegeben hat: 15000 Soldaten sollen Waffenschmuggel verhindern, Frieden garantieren, so die Zielsetzung. Ist das mit dem krisengebeutelten Libanon zu machen? - Ein Blick auf Lage und Struktur des Landes gibt Aufschluß.

Der überwiegend arabischsprachige Libanon ist mit einer Länge von 210 Kilometern bei einer Breite von 40 bis 70 Kilometern der kleinste Staat im Nahen Osten. Auch in anderer Hinsicht hebt sich der Zedernstaat von seinen Nachbarländern ab: Das namengebende Libanongebirge liefert viel Süßwasser. Der Libanon ist ein klimatisches Paradies, umkämpft schon im Mittelalter, dann zwischen Briten, Franzosen und Osmanen, ein Staat künstliche
r Grenzen und wechselhafter Gefolgschaften.

Seit der osmanischen Herrschaft sind nicht nur die Religionsgruppen - sechs christliche und fünf islamische - entscheidend für die Politik des Landes, sondern auch mächtige Großfamilien. Sie herrschen teils noch heute über die nach Religion und ethnischer Herkunft strukturierten Gruppen. Sie zergliedern das von Natur aus gegensätzliche Land auch gesellschaftlich. Maronitische Clans und Drusenfamilien ziehen ihre Spuren bis in die heutige politische Ordnung.

Daneben bestimmen Armenier und Griechisch-Orthodoxe, beide haben ihre Hochburgen um Tripolis, die christlichen Geschicke des vielschichtigen Reißbrett-Staates. 17 anerkannte Religionsgemeinschaften gibt es. Die stärkste und am schnellsten wachsende bilden allerdings die muslimischen Schiiten mit zirka 40 Prozent der Bevölkerung, gefolgt von Sunniten (zirka 25 Prozent). Die Christen machen zusammen zirka 30 Prozent der knapp vier Millionen Einwohner aus. Politische Grenzen wie Siedlungsräume sind - nach innen wie außen - angesichts dieser Vielfalt relativ.

Als einzige durchweg intakte parlamentarische arabische Republik ist der Libanon unter seinen arabischen Nachbarn ein Novum: Wichtigste Regierungsposten sind auf den ersten Blick so verfassungsmäßig verteilt, wie es die schwierige ethnische Zusammensetzung zu erfordern scheint. Der geographische Flickenteppich verschiedenster Volksgruppen der Levante zieht sich durch alle Strukturen, trennt und vereint zugleich. Seit französischem kolonialen Einfluß ist der Staatspräsident ein Maronit, der Parlamentspräsident Schiit und der Ministerpräsident Sunnit. Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch die Parlamentssitze sind nach ethnischem Proporz verteilt. Dieses Gefüge spiegelt aber nur ungenügend die wahre, informelle Machtverteilung wider.

Hier kommen die Regionen ins Spiel. Die sechs Verwaltungseinheiten folgen der landschaftlichen Gliederung: Der Nordlibanon, das Zentrale Libanongebirge, Bezirk und Stadt Beirut, der Südlibanon, Nabatiye und die Bekaa-Ebene. Die 200 Kilometer lange Küste im Westen ist schmal und überwiegend steil, nur im Norden und Süden geweitet (dort zirka 10 Kilometer breit). Zerklüftet sind die Berge des zentralen bis 3000 Meter hohen Libanongebirges. In der fruchtbaren Bekaa-Ebene im Osten wachsen - künstlich bewässert - Wein wie Hanf. Der Fluß Litani (140 Kilometer lang) entspringt dort, liefert salzarmes Wasser, Grund für Begehrlichkeiten seitens der großen Nachbarstaaten. Nach Syrien hin erhebt sich das Antilibanon-Gebirge, rauh aber für Schmuggler durchaus auch mit schwerer Last passierbar.

Auch die Konfliktlandschaft des Libanon ist für europäische Verhältnisse denkbar unübersichtlich. Praktisch jede der Kriegsparteien des Bürgerkriegs (1975-1990) hat im Laufe dieser langen Auseinandersetzung mit jeder anderen koaliert beziehungsweise sie verraten. Sie haben eigene Siedlungsgebiete jeweils im Gebiet ihrer Gruppe. Neue Parteien gingen aus der Besetzung durch Syrien hervor. So die "Freie Patriotische Bewegung" (FPM), die sie ablehnte, oder die pro-syrische Amal-Bewegung. Mißtrauen untergräbt die Beziehungen der Parteien, die oft kaum veränderte Kampforganisationen aus Bürgerkriegszeiten sind.

Die ethnisch gemischte Bevölkerung mit phönizischen, ägyptischen, griechischen, römischen, arabischen und turkmenischen Elementen ist einzigartig in der arabischen Welt. Will man die geographisch angesiedelten und religiös motivierten Loyalitäten verstehen, ist man noch heute auf eine Volkszählung von 1932 angewiesen. Die maronitischen Christen mit Hochburgen zwischen Tripolis und Beirut beanspruchten stets die Führung im Staat. Schiiten liefern sich aus ihrem Siedlungsgebiet im Süden heraus Kämpfe mit dem Nachbar Israel, drängen auf eine stärkere Beteiligung an der Zentralregierung in der Hauptstadt Beirut. Auch im Nordosten und um die muslimisch geprägte Stadt Baalbeck ist ihr Einfluß stark. Die Sunniten stellen in kleineren Gebieten im Osten nahe Syrien und äußersten Norden die Mehrheit. Die Drusen haben östlich von Beirut ihr Kernland. Nicht zu vergessen die zirka 300000 palästinensischen Flüchtlinge in ihren Lagern.

Menschen begehen jederzeit Anschläge. Noch heute gibt es ungeahnte, schnell wechselnde Koalitionen. Ebenso sind Koexistenz und unerwartete Solidarität möglich. Katholische Christen bieten in Klöstern Muslimen Zuflucht, Sunnitenführer erklären andere muslimische Gruppen zum Hauptziel im "Heiligen Krieg". Die Christen sind nicht nur konfessionell, sondern auch politisch gespalten, die Sunniten sehen sich im Gegensatz zu allen anderen ohne Unterstützung einer ausländischen Macht. Die Schiiten wiederum bekommen davon reichlich durch den schiitischen Iran - 150 Millionen Euro, so Expertenschätzungen.

Grenzen sind also fließend, eine Dynamik des Konflikts herrscht vor. Nicht nur geographisch bedeutsam hingegen ist die Grenze zu Syrien. Direkt ist der Zugriff der größeren Nachbarn. Gerade die derzeitigen friedenstiftenden Einsätze westlicher Soldaten werden an der syrisch-libanesischen Grenze auf die Probe gestellt. 300 Kilometer lang, ist sie mehr eine gedachte Linie. Sie führt durch bergiges Terrain. "Was da auf Bergpfaden bewegt wird, ist tagsüber kaum zu kontrollieren, bei Nacht unmöglich", schreibt Michael Stürmer in der "Welt".

Bewegen müssen wird sich dagegen die westliche Staaten- gemeinschaft, die unter dem Dach der UN den Frieden im Libanon halten will. So gegensätzlich wie die schneebedeckten Berge und mediterranen Küsten des Libanon sein mögen - das europäische Modell dauerhaften Friedens ist für kaum eine Partei des Libanon eine Option. Der Staat, der alles andere als ein einheitliches Gebilde ist, lebt seit Jahrhunderten mit seinen Konflikten. Schmuggel, auch von Waffen, ist nicht ehrenrührig, jemandem etwas mit Gewalt zu nehmen alltäglich. Der Libanon ist und bleibt ein Pufferstaat.

 

Zeitzeugen

Rafiq el Hariri - Der im Februar 2005 ermordete libanesische Ministerpräsident Hariri (geb. 1944) war die Symbolfigur jener Kräfte, welche das Land vom Einfluß Syriens befreien wollten. Der ehemalige deutsche UN-Ermittler Detlev Mehlis sah hohe syrische und syrientreue libanesische Kreise hinter dem Mord an dem Sunniten. Syrien hat dies scharf zurückgewiesen.

Emile Lahoud - Seit 1998 ist der christlich-maronitsche Libanese amtierender Staatspräsident (geb. 1936). Er gilt als Mann Syriens und war ein scharfer Gegner des ermordeten Rafiq el Hariri. Vor seinem Amtsantritt war Lahoud Oberbefehlshaber der libanesischen Armee. Unter ihm waren 1990 mehrere Bürgerkriegsmilizen zur neuen Armee verschmolzen worden.

Sayyid Hassan Nasrallah - Der 1960 in Beirut geboren Schiit Nasrallah ist seit 1992 Anführer der libanesisch-iranischen "Partei Gottes", der "Hisbollah". Die Hisbollah lieferte sich diesen Sommer einen wochenlangen Schlagabtausch mit der israelischen Armee, wobei die "Gotteskrieger" eine unerwartete Kampfkraft bewiesen. Nasrallah hatte von 1976 bis zu seiner Ausweisung 1978 im Irak den Koran studiert. 1990 errichtete die Hisbollah eine eigene Armee mit Nasrallah an der Spitze. Nasrallahs offen eingeräumtes Ziel ist die Vernichtung Israels

Michel Auon - Der frühere Syrien-Gegner Aoun (geb. 1935), einst General und Ministerpräsident, strebt bei den Wahlen 2007 das Präsidentenamt an. Obwohl Christ und von Syrien bis 2005 15 Jahre lang ins Exil getrieben, kooperiert Auon heute mit der radikal-islamischen Hisbollah und Damaskus - aus reinem Machtkalkül, wie seine Kritiker behaupten.

Walid Dschumblat - Der 1949 geborene Dschumblat ist Chef der "Sozialischen Fortschrittspartei Libanons" (die offizielles Mitglied der Sozilistischen Internationale ist) und Anführer der Religionsgemeinschaft der Drusen. Dschumblat zieht seit drei Jahrzehnten Fäden in der libanesischen Politik. Er ist ein entschiedener Gegner Israels und galt als enger Freund des ermordeten Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri.
 
     
     
 
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