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Ein fatales Signal

 
     
 
Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Im Grunde nichts, lautet das verheerende Resümee der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Vernichtung Hamburgs, das dieser Tage mit seinen Ausstellungen zu Ende geht. Was als aufrichtiges Gedenken angekündigt war, versank schlußendlich in einer Orgie historischer Verkürzung und Verkrümmung.

Sowohl dem Hamburger Bürgermeister Ole v. Beust (CDU) als auch der Präsidentin des Hamburger Landesparlaments, der Bürgerschaft, Dorothee Stapelfeld (SPD) ging es in ihren Festrede
n vor allem darum, eine "Erstverantwortlichkeit" der Deutschen für alle Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges zu konstruieren. Dieser fatalen Logik folgend traf die Schuld für das Schicksal der Hansestadt letztlich die Opfer selbst. Beust wörtlich: "Doch vergessen wir nicht: Deutschland entfesselte den Zweiten Weltkrieg ... Mehr als 55 Millionen Menschen fanden während der nationalsozialistischen Diktatur in deutschem Namen den Tod." Eine Formulierung, an die sich viele so sehr gewöhnt haben, daß sie scheinbar niemand mehr hinterfragt. Handelten Stalin, Bomber-Harris und Konsorten in "deutschem Namen"? Absurd, zumal: Die Betreffenden hätten sich diese Behauptung selber streng verbeten. Noch weiter ging Stapelfeld: "Dies (der Feuersturm über Hamburg) war das Ergebnis eines von Deutschland entfesselten verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieges". Beide, Beust wie Stapelfeld, legten besonderen Wert darauf, daß die Deutschen den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung nachgerade erfunden hätten. Aufrechnung in ihrer schlimmsten Variante: Die Verantwortung für die Verbrechen aus der Luft wird auf dem Umweg über ihren Dikator auf die Opfer am Boden abgewälzt.

Wer sich auf diese "Wer hat angefangen"-Debatte einläßt, gerät in einen elenden Strudel wechselseitiger Schuldzuweisungen. Da könnte man vorbringen, daß der britische Kopf der Terrorangriffe, Arthur Harris, bereits in den 20er Jahren Kurdendörfer im Irak bombardieren ließ und so den Luftterror als erster "ausprobierte", daß in England die Entwicklung viermotoriger Großbomber schon 1936 begann, während die deutsche Luftwaffe zu Flächenbombardments britischen Ausmaßes bis Kriegsende nicht gerüstet war, daß der Luftkrieg gegen zivile Ziele im Mai 1940 gegen Mönchengladbach und nicht erst im Herbst gegen britische Städte seinen Anfang nahm, und, und, und.

Solche Details mögen für Historiker interessant sein. Wer hingegen im Sinne der Menschheit die "Lehren aus der Geschichte" ziehen will, den führen diese Fragen nur auf gefährliche Abwege. Die wahre Lehre kann nur darin bestehen, daß sich niemand mit der "Erstverantwortlichkeit" des anderen aus der Affäre ziehen darf. Nur wenn jeder damit zu rechnen hat, für sein Handeln selbst Rechenschaft ablegen zu müssen, wird er überlegen, was er tut.

Die traurige Gegenwart legt Zeugnis ab von dem Verhängnis, wie aus dem Abwälzen von Verantwortung auf den Gegner neues Unheil gerechtfertigt werden kann: Jeder palästinensische Selbstmordattentäter argumentiert nicht umsonst mit der "Erstverantwortlichkeit" der Israelis, diese wiederum verteidigen ihre Racheakte mit der selben Phrase. Die serbischen Marodeure beriefen sich darauf, die albanischen Rächer ebenso, der halbe afrikanische Kontinent quilt derzeit über von "Erstverantwortlichkeiten" und blutrünstigen Stammesführer, die ihre Gewalttaten damit begründen, die anderen hätten ja angefangen und trügen für alles die "eigentliche" Schuld.

Ein durchschaubares Spiel: Da die Geschichte bekanntlich keinen Anfang kennt, läßt sich immer etwas finden, was voranging. Jede Missetat läßt sich auf irgendetwas zurückführen. Zum Schluß sehen wir die stets gleichen Bilder von Witwen, Waisen und Krüppeln, die nicht fassen wollen, wie man ihnen das antun konnte. Selbst die Attentäter des 11. September rechtfertigten sich mit der "Ersttat" des "US-Imperialismus".

Traurig stimmt, daß es deutsche Politiker sind, die ihrem eigenen Volk Wohltuend und hoffnungsvoll hob sich ausgerechnet der britische Botschafter, Peter Torry, von dieser Geisterstunde des Irrtums ab. Er sagte in Hamburg: "Zwischen 1939 und 1945 war Europa einem Wahn erlegen. Die Ereignisse vom Juli 1943 waren ein besonders schlimmer und zerstörerischer Ausdruck dieses Wahns.3 Das war die Stimme eines Mannes, der verstanden hat.

Ein Lichtblick inmitten von Aufrechnungen, einseitigen Schuldzuweisungen und ungewollten Steilvorlagen für die selbsternannten "Rächer" an den "Erstverantwortlichen" dieser Tage.

cheakte mit der selben Phrase. Die serbischen Marodeure beriefen sich erst vor wenigen Jahren darauf, die albanischen Rächer kurz darauf ebenso. Große Teile Afrikas quellen derzeit über von "Erstverantwortlichkeiten" und blutrünstigen Stammesführern, die ihre Gewalttaten damit begründen, die anderen hätten ja angefangen und trügen für alles die "eigentliche" Schuld.

Ein durchschaubares Spiel: Da die Geschichte bekanntlich keinen Anfang kennt, läßt sich immer etwas finden, was eigenen Vergehen voranging. Jede Missetat kann man auf irgendetwas zurückführen. Zum Schluß sehen wir die stets gleichen Bilder von Witwen, Waisen und Krüppeln, die nicht fassen wollen, wie man ihnen das antun konnte. Selbst die Attentäter des 11. September rechtfertigten ihr grausiges Verbrechen mit der "Ersttat" des "US-Imperialismus".

Wollte der Hamburger Bürgermeister ausgerechnet im Gedenken an den schwärzesten Tag der Geschichte seiner Stadt bei diesem fürchterlichen Spiel mittun? Natürlich wollte er das nicht. Er hält es offenbar für eine noble Geste, dem einstigen Gegner nicht nur die Hand zu reichen, sondern ihm dabei auch gleich noch die Verantwortung fürseine Taten abzunehmen. Oder fürchtete er bloß, in die Schußlinie zu geraten, wenn der die Lesart derer nicht streng wiederkäut, die Franz Josef Strauß einst verächtlich "Sühnedeutsche" nannte? Diese haben den Deutschen eingebläut, daß jedes Tippen an Schuld und Verantwortung anderer eine "Relativierung" der Hitler-Verbrechen sei. Jeder weiß, welch Unsinn das ist. Aber (fast) niemand wagt, zu widersprechen. Auch Beust nicht. Er hat die beste Gelegenheit seiner gesamten Amtszeit, das zu tun, verpaßt.

Wohltuend und hoffnungsvoll hob sich bezeichnenderweise der britische Botschafter, Sir Peter Torry, von dieser Geisterstunde des gewollten Irrtums ab. Er sagte in Hamburg: "Zwischen 1939 und 1945 war Europa einem Wahn erlegen. Die Ereignisse vom Juli 1943 waren ein besonders schlimmer und zerstörerischer Ausdruck dieses Wahns." Das war die Stimme eines Mannes, der verstanden hat. Indem er den kollektiven Charakter dessen hervorhebt, was er "Wahn" nennt, mahnt Torry alle zugleich. Da seine Mahnung allen gilt, kann sich niemand auf ihn berufen, der sich mit der "Erstverantwortlichkeit" anderer einen Persilschein für eigene Verbrechen erkaufen will. Bei dem Briten war kein Quäntchen von "Selber schuld" versteckt, was ihn zum ehrlichen Botschafter der Versöhnung machte.
 
     
     
 
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