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Säuberungen?

 
     
 
Der Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Staatsminister Michael Naumann, fordert, die Kasernen der Bundeswehr auf "traditionswürdige" Namen zu überprüfen und entsprechende Änderungen anzuordnen. Damit ist eine Diskussion zu den Grundsatzfragen soldatischer Tradition eröffnet.

Es gibt sicher andere Probleme, die den Bundeswehrsoldaten zur Zeit belasten – wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der Frage, ob deutsche Soldaten
im Kosovo für das Selbstbestimmungsrecht der Albaner ihr Leben einsetzen müssen – doch offenbar sieht der Kulturbeauftragte hier ein besonderes Feld für seine Aktivitäten und grast damit über den Zaun seiner Kompetenz. Vielleicht wäre es für ihn sinnvoller, sich mehr um die Deutsche Welle oder die Goethehäuser zu kümmern als um Fragen der Truppe, die in den Bereich der Inneren Führung gehören und weniger in den Aufgabenkatalog eines Kulturbeauftragten.

Nicht erst auf Anraten von Naumann befaßt sich Rudolf Scharping im Rahmen seiner Bestandsaufnahme im Verteidigungsministerium ohnehin mit Fragen der soldatischen Tradition. Das hat bisher jeder Minister getan wie Georg Leber, Hans Apel, Manfred Wörner und auch Volker Rühe. Rühe – und Apel vor allem – faßten das Thema allerdings mit spitzen Fingern an. Was sich Naumann vorstellt, hat er nicht präzisiert, doch geht es ihm offensichtlich um eine neue Säuberung.

Nachdem man die Traditionsecken in den Kasernen im vergangenen Jahr auf Belastendes durchforstet hat, sollen nun die Kasernen selbst gesäubert werden. Wie man hört, sollen dabei Namen bedeutender Heerführer aus dem Ersten Weltkrieg überprüft werden. Selbst die preußischen Reformer wie Scharnhorst und Gneisenau können zur Disposition gestellt werden. Daß man für eine Rommel-Kaserne lieber eine Reichpietsch-Kaserne hätte, überrascht heute nicht mehr.

Die Bundeswehr hat bisher zwar die Generaloberst Dietl-Kaserne umbenannt, doch es gibt noch die Hindenburg-Kaserne, von Lettow-Vorbeck- und von Mackensen-Kaserne. Diesen soll es nun nach dem Wunsch des Kulturbeauftragten an den Kragen gehen.

Mackensen, Lettow-Vorbeck, Hindenburg und Richthofen – belastete Namen? August von Mackensen erzwang mit der 11. Armee im Ersten Weltkrieg den Durchbruch durch die russische Front bei Gorlice-Tarnow und verhinderte das weitere Vordringen der Russen nach Mitteleuropa. Paul von Lettow-Vorbeck leistete im Ersten Weltkrieg als Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika, obwohl er ganz auf sich allein gestellt war, den alliierten Kräften bis Kriegsende erfolgreich Widerstand. Paul von Hindenburg hat als Oberbefehlshaber der VIII. Armee die Russen bei Tannenberg und an den masurischen Seen entscheidend geschlagen und nach Rußland zurückgedrängt. Hindenburg wurde wegen seiner Errettung Ostdeutschlands zum volkstümlichsten Heerführer des Ersten Weltkrieges. Manfred Freiherr von Richthofen, 1918 gefallen, war der erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkrieges, der sich durch Mut, Tapferkeit und vor allem Ritterlichkeit gegenüber dem Gegner ausgezeichnete. Allen diesen Soldaten erweist das Ausland bis heute hohen Respekt.

Rudolf Scharping und sein Parlamentarischer Staatssekretär Walther Kolbow sind an ihre neuen Ämter bisher behutsam und mit Besonnenheit herangegangen. Es bleibt zu hoffen, daß sie sich vom Drang der Bilderstürmer nicht anstecken lassen. Bekanntlich ist es vom Bilderstürmer zum Bücherverbrenner meist nur ein kleiner Schritt. Und dem Kulturbeauftragten könnte empfohlen werden, den Schwerpunkt seiner Tätigkeit weniger in den Streitkräften zu suchen – es sei denn, er hätte dem Soldaten "etwas zu bieten" – als vielmehr bei der Erhaltung und Pflege deutschen Kulturgutes in den neuen Bundesländern und in Osteuropa, vor allem aber in Ost- und Westpreußen, Schlesien, Danzig und Pommern. Da liegt vor allem seine Herausforderung.

Die Bundeswehr wird sich immer mit der Frage von Vorbildern und Tradition beschäftigen. Was die Benennung von Kasernen betrifft, sollte man sich in Bonn weiterhin, wie es ja die Gepflogenheit des Verteidigungsministeriums bisher war, zurückhalten und die Sache den Gemeinden und der Truppe überlassen. Nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben ist hier der richtige Weg. An dieser Linie will, wie es in Bonn heißt, der Führungsstab der Streitkräfte festhalten.

 
     
     
 
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