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Vietnam: Dünkirchen des Kalten Krieges

 
     
 
Hätte Deutschland den Vietnamkrieg zu verantworten, wäre seit 25 Jahren die Weltpresse voller Verurteilung. Doch in einer in  weiten Teilen amerikanisierten Welt fiel selbst vom 30. April 1975 die Kritik moderat aus, auch in Deutschland. Und in den USA, so klagt die "Neue Zürcher Zeitung", werde die Vietnam-Diskussion mehr von Reminiszenzen als Analysen bestimmt.

Was vor 25 Jahren mit einem unsäglichen Desaster endete, war mehr als ein "schmutziger Krieg". Der Vietkong und die USA haben eine einzige Kette von Kriegsverbrechen zu verantworten (im Dschungel und auf den Reisfeldern Vietnams galt keine Genf
er Konvention): Napalm gegen die Zivilbevölkerung (My Lai), B-52-Flächenbombardements, Entlaubungsmittel "Agent Orange", das menschenverachtende Programm "Phoenix". Doppelt so viele Bomben wie im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland warf die US-Air-Force auf das kleine Land. Ein Militärtribunal hätte jahrelang zu untersuchen und strenge Urteile zu fällen, gegen Militärs und gegen Politiker.

58 000 US-Soldaten verloren ihr Leben, Hunderttausende wurden verwundet. Die traumatischen Erinnerungen an die "Killing Fields" werden nicht wenige bis ans Lebensende verfolgen. Durchschnittlich 19 Jahre alt waren die wehrpflichtigen Amerikaner, überwiegend aus dem ärmeren Amerika, viele Schwarze. Im vietnamesischen Dschungel wurde noch mehr zerstört. Henry Kissinger nennt es heute "den Glauben an die Einzigartigkeit unserer Werte und ihrer Bedeutung für die ganze Welt". Das Land, das vor dem Kommunismus bewahrt werden sollte, fluchtartig nach einem jahrelangen Blutbad verlassen zu müssen, hat die amerikanische Seele tief verletzt. Da nutzt es wenig, wenn das "Dünkirchen des Kalten Krieges" die Halbzeit des Ost-West-Konflikts markiert, an dessen Ende die Kräfte, die damals über die größte Weltmacht triumphierten, heute zu den Verlierern der Geschichte zählen.

Der Vietnamkrieg hatte weltweite Auswirkungen. Als ein Richter in Berlin einen Angeklagten fragte, ob er denn wirklich meine, daß sich in Vietnam etwas ändere, wenn er hier demonstriere, antwortete der Student: "Dort nicht, aber vielleicht hier." Der Studentenprotest der 60er Jahre hätte ohne die Parteinahme für den "nationalen Befreiungskampf" des Vietkong nicht jenen Siegeszug des 68er Ungeistes ausgelöst, der bis heute vor allem die deutsche Nation und Politik belastet.

Nicht Befreiung und Nation trieben die Studenten auf die Straßen von Berlin, sonst hätte ihnen das Schicksal des eigenen Volkes und der deutschen Nation nicht so gleichgültig sein dürfen. Sie kämpften gegen den kapitalistischen Feind und das Establishment und für die Macht, die sie heute der US-Regierung andienen, wenn es gilt, widerstrebende Nationen zu disziplinieren. Die Vietkong-Freunde von damals sind heute für das Pentagon auf dem Balkan – der moralische Verfall der politischen Klasse hat viele Gesichter!

Daß sich ein grüner Außen- und ein roter Verteidigungsminister im Konflikt zwischen Fremdherrschaft und Selbstbestimmung heute gegen die Völker entscheiden, besiegelt nicht das Ende der Nationen. Das Vietnam-Desaster wäre zu vermeiden gewesen, wenn Washington die Kraft des Nationalen richtig eingeschätzt hätte. Sie schlugen Ho Chi Minhs Angebote am Kriegsende aus, weil sie nicht erkannten, daß dieser weitaus mehr Nationalist war als Kommunist. Heute ist die Unterdrückung der Nationen eine tragende Säule der Globalisierung, die vor allem eine Amerikanisierung ist. Es dauert oft lange, bis sich Völker ihrer Lage bewußt werden und aufbegehren. Und immer dann, wenn man meinte, ihre nationale Kraft sei erloschen, gab es Gegenkräfte.

Diese neue Unterdrückung der Völker ist auf Dauer nicht weniger zerstörerisch, wenn auch viel schwerer zu erkennen. Dennoch rühren sich in ganz Europa Kräfte, die gegen die subtile Fremdbestimmung und gegen die Auflösung der Nationen opponieren. Selbst in dem so duldsamen Deutschland regt sich vorsichtig Widerstand. Die verfassungswidrige Abhörpraxis der USA auf deutschem Boden beispielsweise, jahrelang nur in nonkonformen Medien behandelt, beschäftigt nun die amtliche Politik. Ist das der Silberstreif eines neuen Bewußtseins für einen friedlichen Befreiungskampf in Europa?

 
     
     
 
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