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Unabhängige Kulturarbeit

 
     
 
Der alte Name der von Ihnen geleiteten "AGMO e. V. - Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen" lautet "Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland".

Gibt es jenseits von Oder und Neiße heute noch Menschenrechtsverletzungen gegen Deutsche?

Oprzondek: Zwar sind derzeit im polnischen Machtbereich grobe Menschenrechtsverletzungen wie Vertreibung und Folter nicht zu fürchten, aber es gibt nach wie vor massive Benachteiligungen.

Die Folgen der Vertreibung und entschädigungslosen Enteignung bestehen sowohl für die Vertriebenen fort als auch für die Heimatverbliebenen, und die Bierut-Dekrete in der ursprünglichen oder bereits abgewandelten Form sind weiter Teil der Rechtsprechung.

Die Verhinderung der Benutzung und Pflege der deutschen Muttersprache und Kultur ist ein großes Problem. Daß es keine deutschen Kindergärten und Grundschulen
gibt, betrachten wir als gravierende Menschenrechtsverletzung.

Was heißt "Verhinderung"?

Oprzondek: Daß in vielen Schulen "muttersprachlicher Deutschunterricht" erteilt wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies dem unteren zeitlichen Rahmen des Lehrens einer Fremdsprache entspricht. Auch die neue polnische Bildungsverordnung vom 3. Dezember 2002 garantiert keine befriedigende Wochenstundenzahl.

Die Republik Polen hat die "Charta der Regional- oder Minderheitensprachen" des Europarates von 1992 erst am 12. Mai dieses Jahres unterzeichnet und noch nicht in Kraft gesetzt, obwohl es dem Europarat schon 1991 beigetreten ist. Das mehrfach angekündigte Minderheitengesetz wurde vom Sejm nach wie vor nicht verabschiedet.

Liegen die Hauptprobleme für die heimatverbliebenen Ostdeutschen nicht darin begründet, daß in der Bundesrepublik Deutschland das Interesse an ihnen zusammen mit der Erlebnisgeneration der Zeit vor 1939 bzw. der Massenvertreibung "dahinstirbt"?

Oprzondek: Nein, das Hauptproblem für unsere ostdeutschen Landsleute liegt in ihrer Lebenssituation in der Republik Polen begründet. Es mangelt an deutschen Schulen, Ortsschildern, selbstverwalteten kulturellen Einrichtungen sowie an Möglichkeiten der Benutzung der Muttersprache bei der Verwaltung und vor Gericht. Hinzu kommen Ängste vor beruflichen Nachteilen, insbesondere bei öffentlichem Bekenntnis zur deutschen Nation.

Daß die Erlebnisgeneration stirbt und eine große Lücke hinterläßt, ist uns längst bewußt, aber an ihre Stelle tritt eine zwar kleine, aber unbeugsame Bekenntnisgeneration.

Außerdem bezeugt das zahlreiche Aufgreifen der Themen Flucht und Vertreibung sowie deutsche Geschichte Ostdeutschlands in Zeitungen, Büchern und Fernsehfilmen, daß diese nach wie vor aktuell sind und weit über den Bereich der Heimatvertriebenen hinaus Interesse wecken.

Welche Erfolge konnten in jüngster Zeit erzielt werden?

Oprzondek: Die AGMO e. V. handelt sowohl kontinuierlich als auch projektbezogen: Jedes Jahr werden Kinderweihnachtsfeiern des Deutschen Freundschaftskreises (DFK) gefördert, um besonders aktive Kinder zu belohnen und anzuspornen, die in diesem Bereich ihre Muttersprache lernen oder vervollkommnen, im Chor, in der Tanzgruppe, der Blaskapelle oder in einer anderen DFK-Gruppierung mitwirken und das deutsche Kulturleben bereichern.

Als Einzelprojekte der letzten Zeit sind beispielhaft zu nennen: die Unterstützung einer Ortsgruppe bei der Wiederbeschaffung der Büroausstattung und Reparaturen an und in ihrem Kulturhaus nach einem nicht aufgeklärten Einbruchsdiebstahl, die Einweihung eines Friedensdenkmals zum Gedenken an die deutschen Kriegsopfer oder zahlreiche humanitäre Unterstützungen mittels guter, getragener Bekleidung, Kinderspielzeug und medizinischer Hilfe.

Die Arbeitsschwerpunkte liegen eindeutig in Schlesien. Warum?

Oprzondek: Die AGMO e. V. ist Anfang der 1980er Jahre innerhalb der Schlesischen Jugend gegründet worden. Dadurch haben die Schlesier zumindest unter den Gründungsmitgliedern ein Übergewicht.

Daß wir heute in Oberschlesien aktiver sind als in anderen Teilen des historischen Ostdeutschlands, hängt mit der großen Zahl der heimatverbliebenen Deutschen sowie den Aktivitäten der DFK-Ortsgruppen zusammen. In Pommern, Ost- und Westpreußen leben wesentlich weniger Deutsche über größere Entfernungen verstreut.

Dort ist teilweise ein geringeres Interesse an einer konstruktiven Zusammenarbeit festzustellen. Vielleicht gibt es aus bestimmten Bereichen auch mehr Druck, mit Nichtregierungsorganisationen nicht zusammenzuarbeiten. Immerhin bestehen gute Kontakte in Danzig/Westpreußen.

Im regelmäßig erscheinenden "AGMO-Informationsdienst" finden sich in der Folge vom 13. August Ausführungen zu den jüngst bekannt gewordenen Ergebnissen der polnischen Volkszählung vom Mai 2002. Für die deutsche Volksgruppe brachte diese mit einer Gesamtzahl von nur 152 900 bekennenden Personen ein enttäuschendes Ergebnis.

Ihre Organisation macht dafür auch gewollte und ungewollte Manipulationen verantwortlich, etwa seitens der vor Ort tätigen Befrager, sowie verbliebene Ängste, sich als Deutscher zu zeigen. Eine von der AGMO e. V. initiierte Fragebogenaktion bei vielen DFK-Kreisverbänden und Ortsgruppen sollte deshalb Klarheit schaffen.

Oprzondek: Das Resultat dieser Fragebogenaktion war sehr aufschlußreich. Neben den genannten Manipulationen, die übrigens auch die anderen Minderheiten in der Republik Polen beklagen, läßt sich das Volkszählungsergebnis demnach auf noch immer vorhandene Ängste zurückführen. Diese wurden uns in etlichen Zuschriften glaubhaft geschildert.

Welche Veränderungen erwarten Sie für die deutsche Volksgruppe infolge des EU-Beitritts Polens?

Oprzondek: Vor allem erwarten wir eine Angleichung an europäische Rechtsstandards, auch wenn die Rechtsnachfolger der Vertrei-berstaaten die EU mit ihren Unrechtsdekreten "bereichern" wollen und dürfen. Die Bundesrepublik hat in ihrer noch jungen Geschichte immer den Willen zur Wiedergutmachung und Verständigung unterstrichen und materiell untermauert. Von den Vertrei-berstaaten kamen nicht einmal deutliche Symbole und Gesten.

Für unsere Landsleute in den Oder-Neiße-Gebieten erhoffen wir uns mehr Freiheiten, weniger Ängste und steigenden Wohlstand, der zusammen mit einer deutschen Infrastruktur (Schulen, Amtssprache, Ortsschilder) den Verbleib in der Heimat und den Umzug in Richtung Osten wieder erstrebenswert machen.

Welche Kontakte unterhält Ihre Organisation vor Ort?

Oprzondek: Die AGMO e. V. pflegt vorrangig Kontakte zu den Ortsgruppen des Deutschen Freundschaftskreises sowie zur Deutschen Arbeitsgemeinschaft "Versöhnung und Zukunft" in Kattowitz - jedoch nicht zu polnischen Politikern oder Funktionären.

Mit den sogenannten "Erfolgen" der Sejmabgeordneten der Deutschen können wir nichts anfangen. Daß unsere Landsleute an der Basis ebenfalls nicht zufrieden sind, zeigt sich an den sehr unterschiedlichen Wahlergebnissen: Mißerfolge bei Sejm-Wahlen, große Erfolge bei Kommunalwahlen.

Wie stehen offizielle bundesdeutschen Stellen zur AGMO-Arbeit?

Oprzondek: Die AGMO e. V. erhält keine staatlichen Gelder und wird auch nicht um Vermittlung oder Ratschläge gebeten.

In der Anfangszeit hatten wir vom Innenministerium noch Mittel zur Hilfe von DFK-Ortsgruppen erhalten, beispielsweise zur Ausstattung von Kindergärten mit "Deutschen Ecken". Die Förderung wurde aber eingestellt, da dem Bund die von uns gesetzten Schwerpunkte "deutsche Sprache und Kultur" nicht förderungswürdig erschienen. Daß die AGMO e. V. auf Spenden angewiesen ist, hat aber den Vorteil, daß sie nicht von der Politik abhängig ist, der Staat also keine Einflußmöglichkeiten besitzt. Wir betrachten aufmerksam das Bestreben der Bundesregierung, Nichtregierungsorganisationen aus der Förderung sowie bei der Arbeit vor Ort auszuschließen. Einer derartigen Entwicklung kann man nur mit einem steigenden Spendenaufkommen entgegenwirken. - Eine Tatsache, die der freundschaftliche Bereich erst zögerlich begreift.

In den Zielgebieten kommt es uns entgegen, daß die dortigen deutschen Verbände mittlerweile eine eigene Infrastruktur geschaffen haben und in der Lage sind, die Verteilung von Hilfen und Verwaltungsaufgaben selbst vorzunehmen.

Welche Vision haben Sie für die Entwicklung der historischen ostdeutschen Länder in den nächsten Jahren?

Oprzondek: Ich erhoffe ein Aufblühen der deutschen Sprache und Kultur sowie eine Angleichung der Rechte. Oder anders formuliert: eine kollektive Normalität für die deutsche Volksgruppe, wie sie die Bundesrepublik für ihre vier anerkannten Minderheiten (Dänen, Friesen, Sorben, Sinti und Roma) längst geschaffen hat.

Wir wünschen uns, daß die Arbeit der AGMO e. V. eines Tages nicht mehr erforderlich ist. Davon sind wir vorerst aber noch sehr weit entfernt, so daß weiterhin eine intensive Mitglieder- und Spendenwerbung erforderlich ist.

Kontakt: AGMO e. V., Budapester Str. 19, 53111 Bonn, Tel.: 0228-636859

Dieses Interview wurde von Martin Schmidt geführt.

AGMO-Vorsitzender Oprzondek: Der 59jährige gebürtige Hindenburger sorgte mit dafür, daß in seiner schlesischen Heimat heute gute Kontakte zu vielen Ortsgruppen des Deutschen Freundschaftskreises (DFK) bestehen
 
     
     
 
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